dM_fragile tensionAuf die Internetplattform flickr wurden vor wenigen Tagen Fotos vom Videodreh des bald erscheinenden Depeche-Mode-Clips hochgeladen. Der Inhalt des Videos wird u. a. aus einem Leichtathleten bestehen, der in Olympia-Ästhetik verschiedene Figuren demonstriert. Auch eine Athletin, welche in stilvoller Weise Kunststücke vorführt, befindet sich auf den Aufnahmen.

Von den Bandmitgliedern ist nichts zu sehen. Depeche Mode führt damit voraussichtlich das Konzept der vorangegangenen Videos fort und setzt nicht sich selbst (die Bandmitglieder), sondern den/die Menschen generell, seine/ihre Motive, (innere) Bewegtheiten und diesmal voraussichtlich vor allem, menschliche Ausdrucksformen als Hauptmotiv ein. Auch letztere bilden eine visuelle Ergänzung zu diesem sehr spirituellen Album.

Vielfach kritisert wird, dass die Band in den aktuellen Videos sehr stark in den Hintergrund tritt. Doch damit wird – in dieser Offensichtlichkeit – etwas  Bestimmtes impiziert: „Sounds of the universe“ (Anm.: Titel des Albums) einschließlich der Tour(-ästhetik) und den dazugehörigen Veröffentlichungen und Produktionen steht nicht nur für eine Band, es steht auch nicht für ein Klischee, nein, es steht für Menschen an sich und auch für eine sich immer weiter bildende Bewegung bzw. Generation (u. a.: „there’s something mystical in our genes“).

Ich bleibe dabei: Das aktuelle Material ist in seiner Gesamtheit konzeptioniert und Depeche Mode setzen damit, nach 29 Jahren kreativem Schaffen, einen weiteren Höhepunkt in ihr Gesamtkunstwerk. Und das in einem Rahmen, in dem es die Band in gelungener Weise schafft, sich noch einmal neu zu erfinden (nicht zuletzt im Sound des Albums). Genial!

Livemitschnitt des Les-Eurockéennes-Festivals in Belfort, Frankreich,
vom 1. Juli 2007.

Ohne Worte…

culture

© JA 2009

Aus einer E-mail, die ich in einer stressgeladenen Zeit einem Freund geschreiben habe:

„Mir geht’s öfters so, dass mir langweilig ist, oder besser: dass ich eigentlich nur denke, mir wäre langweilig, weil ich unbedingt irgendwas tun oder erleben will, jedoch in diesem Moment einfach keine Gelegenheit dazu da ist, weil ich z. B. alleine zuhause bin und kein Auto habe, usw…

Dann tue ich das, was ich in dem Moment (wegen dem Fadisieren) eigentlich am wenigsten (!) tun will: ich leg mich hin, tue einfach gar nichts und setze mir selbst den Anspruch nicht mehr, unbedingt etwas tun zu MÜSSEN, weil ich einsehe, dass momentan einfach nicht die Gelegenheit habe, z.B. wo hin zu fahren und mit anderen etwas zu unternehmen. Beim Daliegen beobachte ich mich, meinen Körper, meine Empfindungen und meine Gedanken einmal selber. Das kann längere Zeit (eine Stunde oder auch länger, vielleicht sogar mehrere Stunden…) dauern.

Beim Beobachten erkenne ich dann meist, dass ich, als ich mich vorher fadisiert hatte, eigentlich nur verkrampft darauf kapriziert hatte, unbedingt etwas tun zu müssen, und in Unmut und schlechte Laune verfallen bin, weil eben keine Gelegenheit dazu da war/ist. In Wirklichkeit, und das merkte ich beim Fadisieren gar nicht, war/ist meine Gedankenaktivität auf „180″ und ich war/bin eigentlich überhaupt nicht „herunten“ und beruhigt (trotz des angeblichen Fadisierens).

Ich liege weiter da und beobachte mich selbst weiter. Ich nehme die passive Rolle des Selbstbeobachters ein, denn nur wenn ich mir WIRKLICH MAL DIE ZEIT NEHME UND MICH WIRKLICH BEOBACHTE UND MIR, MEINER GEDANKEN, MEINER EMPFINDUNGEN, MEINEM KÖRPER SELBER WIRKLICH BEWUSST WERDE, ERKENNE ICH, DASS DIESE ZEIT DES DALIEGENS UND „NICHTS TUNS“ ALLES ANDERE ALS LANGWEILIG IST UND SO EIGENTLICH JEGLICHE WERTSCHÄTZUNG UND ANERKENNUNG VON MIR SELBER, VON ALLEM, WAS IN MIR VORGEHT, VON ALLEM WAS MICH BEWEGT, GESCHIEHT.

DENN SELBSTBEOBACHTUNG IST NICHTS ANDERES ALS DIE ANERKENUNG VON MIR SELBST UND MEINEN BEDÜRFISSEN. SO KOMME ICH ALLMÄHLICH ZUR RUHE, WEIL SICH DANN AUCH ALLE MEINE EMPFINDUNGEN (Z.B. REGULIERT SICH DER ATEM NEU) AUSDRÜCKEN KÖNNEN UND ICH NICHT MEHR IM WIDERSPRUCH DAGEGEN (DA ICH SO NICHT MEHR AN DEN DINGEN, WONACH ICH WIRKLICH BEDÜRFNISSE HABE, VORBEILEBE), IM GRUNDE GEGEN MICH SELBST, STEHE.

Das kommt von selber, aber oft dauert es einige Zeit, vielleicht sogar mehrere Stunden, wichtig, ist, dass ich dabei der „passive Beobachter“ bin, selbst wenn ich dabei eine trotzdem vorhandene (Gedanken-)Äktivität beobachte. Ich werde dann ruhiger und passiver, wäre ich das nicht, würde ich das alles zwar wahrnehmen, aber ich wäre sehr im Stress, durch die Passivität gewinne ich Abstand.

Bei der Selbstbeobachtung erkenne ich dann sogar sehr interessante und für mich bedeutende und wichtige Vorgänge (Gedankengänge, Gefühle, Empfindungen, …) in mir selbst. Das alles hat für mich einen sehr hohen Wert weil das eben meine Seele ist, weil das ich selbst bin. Ich tue mir dann eigentlich selber etwas sehr, sehr Gutes, da ich mir so das Größte tue, was ich mir tun kann: mit mir selbst in Einklang zu kommen.

Das alles hatte ich vorher, als ich stundenlang, oder auch im Alltag auch tagelang damit gehadert hatte, dass mir fad wäre und dass es NICHTS ZU TUN GÄBE, nicht realisiert. Durchlebe ich gerade ein paar stressige Tage und ist mir langweilig, wenn es einmal nichts zu tun gibt, lege ich mich oft einmal hin und beobachte mich selbst und mache ich das für einige Zeit, so kommt mir eigentlich immer die Erkenntnis, dass das „Hinlegen und nichts tun“ sogar viel besser und wichtiger war, als wenn ich z.B. mit dem Auto wo hingefahren wäre.

Denn dann hätte ich das zwar gemacht, aber zu mir, bzw. herunter gekommen wäre ich trotzdem nicht, und ich hätte am Abend erst wieder einen „vollen Kopf“ gehabt, ich wäre nicht wirklich bei mir gewesen (sondern mit den Gedanken, die ich mir am liebsten erst wieder „weggewünscht“ hätte, irgendwo anders) und hätte wahrscheinlich schlecht geschlafen.

Diese am liebsten weggewünschten Gedanken SIND ABER ICH SELBST und DAS WAS MICH BEWEGT und ausmacht und DIE TÜR ZU MIR SELBST WENN ICH DIE GEDANKEN (IN EINEM SEHR PERSÖNLICHEN PROZESS) BEOBACHTE UND ANNHEME.

Fazit: Wenn ich also meine, mir wäre llllangweilig, dann lege ich mich einmal hin und beobachte mich (vor allem eben die Gedankenaktivität) selbst. Und zwar so lange, bis mir dann wirklich langweilig ist. Und wenn ich so weit bin, bin ich von der Gedankenaktivität „heruntergekommen“ und zu mir selbst gekommen. Und es tritt Entspannung ein. Sehr wichtig: nicht in Ablehnung gegen die Gedanken sein, sondern sie willkommen heißen.“

„Welch’ ein Kunstwerk ist der Mensch! Sein Wesen, die Gestalt, seine Fähigkeiten, seine Bewegungen. Ein bewundernswertes Geschöpf!“

Aus dem Film „Gettysburg“.
Drehbuch: Ronald F. Maxwell,
basierend auf dem Roman „The Killer Angels“ von Michael Shaara.

Es war ein sonniger Spätnachmittag und Frank lag ermüdet von der Ausbildung in seinem Bett. Die letzten Tage kosteten ihn enorm an Substanz, es war nicht vor zwei Uhr morgens, als er auch heute wieder zu Bett ging. Gestern Abend hatte er bis spät in die Nacht einen Fototermin bei einem befreundeten Hobbyfotografen. Er brauchte Bilder für die Internetpräsenz seines Musikprojektes, das er eifrig vorantrieb. Um sechsuhrdreißig hieß es schon wieder aufstehen, duschen und den Bus nach Neufelden zu erreichen. Die 50-minütige Prüfung, die an diesem Tag stattfand und für die er keine Zeit hatte zu lernen, bestand er mit der vollen Punkteanzahl, am Nachmittag trat er übermüdet und hungrig den Heimweg an.

Er lag jetzt schon seit einiger Zeit da und es gelang ihm endlich mal wieder annähernd, sich zu entspannen. Von Harmonie war aber noch lange nicht zu reden. Nach einiger Zeit schlug er sein Tagebuch auf, Schreiben war für ihn der Weg, um zu sich zu kommen, ein Mittel, um etwas über sich zu erfahren, ja auch um Stress abzubauen und in Einklang mit sich selbst zu gelangen, zumindest um sich dessen zu nähern.

Nach den anfänglichen, obligatorischen, unzensierten Beschreibungen, was ihn momentan bewegte, wie die letzen Tage verlaufen waren, kam er wie von selbst bald wieder auf das Hauptthema, diesmal aber in einer selbst ihn überraschenden, schonungslosen und sehr ernüchternten Klarheit:

„Ich habe die größte Angst, er möge sich denken, er hätte Recht, er hätte gewonnen, er würde sich denken, dass ich eine Schwäche hätte, Angst hätte, dass ich mir so schwer tun würde, schon gar mit ihm, da tief in uns eine große Rivalität steckt, eine Feindschaft, eine Art Krieg, ein Kampf, der so groß ist, dass er in irgendeiner Weise sogar über mein gesamtes Leben bestimmt, zumindest Auswirkungen auf alle Teile davon hat. Diese Rivalität ist momentan Mittelpunkt meines Lebens.

Ich ängstige mich vor diesem Kampf, zugleich gibt er mir aber auch irgendwie eine Sicherheit, wahrscheinlich, weil dieser als Mittelpunkt meines Lebens auch zur Orientierung dient, als ständiges Bemühen, ihn möglichst gut zu meistern und zu überstehen.

Deshalb brauche ich eine neue, alternative Orientierung, eine andere sinnvolle Herausforderung. Habe ich mein Leben schon aufgegeben? Oder will ich, werde ich, ein normales, glückliches Leben führen, mit der Musik was erreichen, meinen beruflichen Weg weiter einschlagen?“

Er legte das Tagebuch zur Seite, lag noch etwas da, er hätte dies eigentlich noch mindestens zwei Stunden machen sollen um von dem hohen Stressspiegel und um von den durch Besorgnis, Angst, Übermüdung und Ruhelosigkeit aufgebrachten Gedanken wieder herunter zu kommen. Doch er musste noch ein paar Lebensmittel einkaufen, deshalb zog er bald seine Kleider an und achtete zumindest beim Weg zum Supermarkt darauf, sich nicht zu sehr zu hetzen. Schon beim Aufstehen und Ankleiden war ihm seine innere Aufwühlung nur noch wenig bewusst gewesen…

© JA

Mein Cover des Instrumentalstücks „Cochise“ (written by Mike Oldfield):



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Er hatte mit ihr telefoniert und wieder über Angst, ihre Eltern und Probleme gesprochen. Das passte ihm jetzt nicht. Weil er das nicht mehr tun wollte. Er war nicht im Einklang mit sich, er nahm sich jetzt nicht an, er stellte sich gegen sich selbst. Außerdem wollte er wieder zu den Leuten und was unternehmen. Das war vor dem Einkaufen nicht so gewesen. Da wollte er noch alleine sein und lesen, sich entwickeln, die Dinge kommen, ihnen ihren Lauf lassen. Jetzt war er es wirklich und er hatte etwas Angst, dass er, wenn er jetzt schrieb und zu sich kommen, sich selber näher kommen wollte, es nicht schaffen würde, nicht durchdringen, abprallen und dann im Alleinsein in ein Gedanken- und Gefühlsgeflecht zu kommen, obwohl er in dem im Grunde sowieso schon war. Er fürchtete aber auch, dass er sich seiner selbst und dem, was bewirkte, dass er da drin steckte, nicht stellen könnte und so aus dem nicht herauskommen würde. Ein solches Verweilen in diesem Geflecht oder auch Nebel war immer dann da, wenn er Angst hatte und vor etwas davon rannte.

Was wollte er jetzt eigentlich machen? Jetzt gerade?

Er hatte große Bedenken, dass er dort nicht mehr hinkommen würde, wo er zuvor gewesen war. Er ging von der logischen Beurteilung aus, dass seine Befindlichkeit, sein Erfüllt-Sein, sein Bewusstsein, so sein müsste wie vor dem Telefonat, da war es ihm besser gegangen und da hatte sich ein Weg aufgetan. Zu dieser Sicherheit wollte er jetzt wieder kommen, die Gefühlslage, die Gedanken hatten sich aber verändert und so lebte er also in der Vergangenheit, lief ihr hinterher, nahm den Moment nicht an, wusste aber schon, dass er das tun sollte, denn würde er das machen, so wäre er wieder im Einklang, in Harmonie mit sich selbst.

Was sollte er jetzt tun?

Das, was er sich vorher vorgenommen hatte, mit dem, was er sich für diese Woche wünschte, das war noch immer alles in seiner Erinnerung.

Was wollte er jetzt machen, was spürte er, was er jetzt tun sollte?

Weiter schreiben? Er fühlte sich jetzt wieder ein bisschen wie damals in den Jahren, wo er sehr oft, sehr viel und intensiv geschrieben hatte. Das wünschte er sich später auch noch, er spürte immer, dass es der optimale Weg wäre, zu sich selbst zu kommen, zu sich selbst durchzudringen, und es war ja auch ein guter Weg, um dort zu bleiben und sich nicht wieder davon zu entfernen. Würde er wieder so schreiben und das für eine längere Zeit, so könnte ihm das Halt geben, jetzt wäre das ja schon einmal für die nächsten paar Tage hilfreich.

Er hatte aber immer etwas Angst davor, dadurch wieder zu sehr ein „Eigenbrötler“ zu werden, zu sehr in seiner eigenen Welt zu verweilen und auch davor, so das gesellschaftliche Leben zu verlernen. Doch das Wichtigste, das, warum er es machte, war ja, dass er dabei zu sich kam, das er seine Ängste vor sich selbst auflöste, dass sie ihn erkennbar wurden, dass er sie annehmen konnte und nicht weiter unbewusst und blind dagegen ankämpfen, tagelang, ja monatelang in diesem Bewusstsein leben würde. Und das konnte seinem gesellschaftlichen Leben schließlich auch zugute kommen. Nein, er nahm den Kugelschreiber, er entschloss sich, wieder zu schreiben, wieder ins Ungewisse zu gehen, sich selbst ins Auge zu sehen, auch wenn es ihm jetzt lieber gewesen wäre, in der Gesellschaft zu sein und mit Freunden und Freundinnen Spaß zu haben.

© JA

Prozess Kafka

Manuskript von Franz Kafka

Ich habe beim Lesen eines Buches oder beim Betrachten eines Kunstwerks bisher selten eine solche, große Liebe und Verwandtschaft, ein solches Interesse und Wohlwollen empfunden, wie beim Prozess von Franz Kafka. Es ist nun ein paar Monate her, dass ich dieses Buch gelesen habe und ich kann sagen, dass es zu jenen Werken gehört, die auch für mein persönliches Leben einen, im positiven Sinne, wesentlichen Stellenwert besitzen.

Ich liebe den Stil Kafka’s Worte, der in einer sehr würdevollen Art gehalten ist, aber gerade deshalb auch einen Kontrast zu dem Protagonisten bildet, der sich durch den im Buch vorkommenden Prozess in seiner Freiheit und Unschuld entwürdigen lässt, obwohl er die Möglichkeit hätte, zu entscheiden, zumindest es zu versuchen, gar nicht am Prozess teilzunehmen, bzw. sich mit diesem gar nicht auseinanderzusetzen. Da er dies aber nicht macht, innerlich auch nie endgültig von der Sorge, ja, gar von der Thematisierung seiner Anklage und des Prozesses befreit ist, verstrickt er sich gerade in der Absicht, einen positiven Ausgang herbeizuführen, immer weiter im Prozess.

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Bearbeitung des Cover-Artworks der „Enjoy the silence“-Singles (Depeche Mode). Original-Artwork von Anton Corbijn.

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