„Aber ich denke an Rebekka, an die verbrannten Juden, an die Massengräber, an das große Sterben, an die Gassen und Stuben, in denen die Pestleichen lagen und stanken, an diese ganze grauenhafte Wüstenei, an die verwahrlosten, allein zurückgebliebenen Kinder, die an ihren Ketten verhungerten Hofhunde – und wenn ich an das alles denke und diese Bilder vor mir sehe, dann tut das Herz mir weh, und es will mir scheinen, unsere Mütter hätten uns in eine hoffnungslose, grausame und teuflische Welt hinein geboren und es wäre besser, sie hätten es nicht getan und Gott hätte diese schreckliche Welt nicht erschaffen und der Heiland hätte sich nicht unnütz für sie ans Kreuz schlagen lassen.“
Freundlich nickte Narziß dem Freunde zu.
„Du hast ganz recht“, sagte er warm, „sprich es nur aus, sage mir alles. Aber in einem täuscht du dich sehr: du hältst das, was du da sprichst, für Gedanken. Es sind aber Gefühle! Es sind die Gefühle eines Menschen, dem das Grauen des Daseins zu schaffen macht. Nun vergiss aber nicht, dass diesen traurigen und verzweifelten Gefühlen ganz andere gegenüber stehen! Wenn du dich auf deinem Ross wohlfühlst und durch eine schöne Gegend reitest oder wenn du, leichtsinnig genug, dich am Abend ins Schloss einschleichst, um der Geliebten des Grafen den Hof zu machen, dann sieht die Welt für dich ganz anders aus und alle Pesthäuser und alle verbrannten Juden können dich durchaus nicht hindern, deine Lust zu suchen. Ist es nicht so?“
„Gewiss, es ist so. Weil die Welt so voll von Tod und Grauen ist, darum suche ich immer wieder mein Herz zu trösten und die schönen Blumen zu pflücken, die es inmitten dieser Hölle gibt. Ich finde Lust und ich vergesse für eine Stunde das Grauen. Darum ist es nicht minder da.“
„Du hast es sehr gut formuliert. Also du findest dich in der Welt von Tod und Grauen umgeben und daraus entfliehst du in die Lust. Aber die Lust ist ohne Dauer, sie entlässt dich wieder in die Wüste.“
„Ja, so ist es.“
„Es geht den meisten Menschen so, nur empfinden es wenige mit solcher Stärke und Heftigkeit wie du und wenige haben das Bedürfnis, dieser Empfindungen bewusst zu werden. Aber sage doch: außer diesem verzweifelten Hin und Her zwischen Lust und Grauen, außer dieser Schaukel zwischen Lebenslust und Todesgefühl – hast du nicht außerdem noch irgendeinen Weg probiert?“
„O ja, natürlich. Ich habe es mit der Kunst probiert. Ich sagte Dir ja schon, dass ich unter anderem auch Künstler geworden bin. Eines Tages, ich war vielleicht drei Jahre in der Welt draußen und beinahe die ganze Zeit auf Wanderschaft gewesen, fand ich in einer Klosterkirche eine hölzerne Mutter Gottes stehen, die war so schön und ihr Anblick ergriff mich so sehr, dass ich nach dem Meister fragte und suchte, der sie gemacht hatte. Ich fand ihn, es war ein berühmter Meister; ich wurde sein Schüler und habe einige Jahre bei ihm gearbeitet.“
„Du wirst mir davon später noch mehr erzählen. Aber was war es denn, was die Kunst die gebracht und bedeutet hat?“
„Es war die Überwindung der Vergänglichkeit. Ich sah, dass aus dem Narrenspiel und Totentanz des Menschenlebens etwas übrigblieb und überdauerte: die Kunstwerke. Auch sie vergehen ja wohl irgendeinmal, sie verbrennen oder verderben oder werden wieder zerschlagen. Aber immerhin überdauern sie manches Menschenleben und bilden jenseits des Augenblicks ein stilles Reich der Bilder und Heiligtümer. Daran mitzuarbeiten scheint mir gut und tröstlich, denn es ist beinahe ein Verewigen des Vergänglichen.“
„Das gefällt mir sehr, Goldmund. Ich hoffe, du werdest noch viele schöne Werke machen, mein Vertrauen auf deine Kraft ist groß und ich hoffe, du werdest in Mariabronn lange Zeit mein Gast sein und mir erlauben, dir eine Werkstatt einzurichten; unser Kloster hat seit langem keinen Künstler mehr gehabt. Aber ich glaube, du hast das Wunderbare der Kunst mit deiner Definition noch nicht erschöpft. Ich glaube, die Kunst besteht nicht bloß darin, dass durch Stein, Holz und Farben etwas Vorhandenes, aber Sterbliches dem Tod entrissen und zu längerer Dauer gebracht wird. Ich habe manches Kunstwerk gesehen, manchen Heiligen und manche Madonna, von denen ich nicht glaube, dass sie bloß treue Abbilder irgendeines einzelnen Menschen sind, der einmal gelebt hat und dessen Formen oder Farben der Künstler aufbewahrt hat.“
„Da hast du recht“, rief Goldmund eifrig, „ich hätte gar nicht geglaubt, dass du über die Kunst so gut Bescheid wüsstest! Das Urbild eines guten Kunstwerkes ist nicht eine wirkliche, lebende Gestalt, obwohl wie der Anlass dazu sein kann. Das Urbild ist nicht Fleisch und Blut, es ist geistig. Es ist ein Bild, das in der Seele des Künstlers seine Heimat hat. Auch in mir, Narziß, sind solche Bilder lebendig, die ich einmal darzustellen und dir zu zeigen hoffe.“
„Wie schön! Und jetzt, mein Lieber, hast du dich, ohne es zu wissen, mitten in die Philosophie begeben und hast eines ihrer Geheimnisse ausgesprochen.“
„Du machst dich über mich lustig.“
„O nein. Du hast von den ‚Urbildern’ gesprochen, von Bildern also, die nirgends vorhanden sind als im schöpferischen Geist, die aber in der Materie verwirklicht und sichtbar gemacht werden können. Lang ehe eine Kunstgestalt sichtbar wird und Wirklichkeit gewinnt, ist sie schon vorhanden, als Bild in der Seele des Künstlers! Dieses Bild nun, dies ‚Urbild’ ist aufs Haar genau das, was die alten Philosophen eine ‚Idee’ nennen.“
„Ja, das klingt glaubhaft.“
„Nun, und indem du dich zu Ideen bekennst und zu Urbildern, begibst du dich in die geistige Welt, in unsere Philosophen- und Theologenwelt und gibst zu, dass mitten in dem verwirrten und schmerzlichen Schlachtfeld des Lebens, mitten in diesem endlosen und sinnlosen Totentanz des leiblichen Daseins der schöpferische Geist vorhanden ist. Schau, an diesen Geist in dir habe ich mich stets gewendet, seit du als Knabe zu mir kamst. Dieser Geist ist bei dir nicht der eines Denkers, er ist der eines Künstlers. Aber er ist Geist und er ist es, der dir den Weg zeigen wird aus dem trüben Wirrwarr der Sinnenwelt, aus dem ewigen Schaukeln zwischen Lust und Verzweiflung. Ach Lieber, ich bin glücklich, dies Bekenntnis von dir gehört zu haben. Ich habe darauf gewartet – seit damals, seit du deinen Lehrer Narziß verlassen hast und den Mut fandest, du selbst zu sein. Jetzt können wir aufs neue Freunde sein.“
Dieser Text aus dem Roman „Narziß und Goldmund“ von Hermann Hesse hat mich veranlasst, nun dazu Stellung zu nehmen und meine Sicht einiger Dinge darzulegen.
Das Leid und die Zustände von denen die beiden sprechen sind gegenwärtig. Ich habe das Leid in der Welt gesehen und unbeschreibliches erlebt. Die Welt und das Leben können sehr, sehr schrecklich sein. Franz Kafka meinte, dass ein Mensch so sehr leiden kann, wie es für jemand anderen nicht vorstellbar sei. Ich weiß, dass das stimmt.
Ich würde aber dennoch nicht gerne die Zeit zurückdrehen, weil ich dies alles lieber nie gesehen hätte. Ich habe vieles in der Welt gesehen, habe darunter gelitten, sah mich sogar selbst als daran schuldig und verfiel in Depression.
Sich selbst als schuldig sehen, ist in dieser Hinsicht allgegenwärtig. Die Band Die Ärzte meinte „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wär nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Im Christentum ist von der „Erbsünde“ die Rede, die besagt, dass jeder Mensch bereits als schuldig geboren wird und seine Erlösung durch Jesus Christus erlangen kann. Mir wurde von einer katholischen Familie aus meiner Umgebung erzählt, die kaum Geld zum Leben hat und die das, was sie hat, dennoch großteils für humanitäre Zwecke spendet, weil sie sich sonst als schuldig sehen würde, weil sie nichts oder zu wenig unternommen hätte. So etwas ist äußerst schlimm! Ständig hängt das Damoklesschwert der Schuld über ihnen und sie sind sehr in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt.
Ich verfiel also in Depression. In diesem Stadium hatte ich die Wahl, mich weiterhin als schuldig zu sehen, aber ja nicht mehr daran zu denken und mich ein Leben lang davon abzulenken. Oder ich konnte der Schuld erstmal ins Auge sehen und darauf aufbauend nach neuen Erkenntnissen und nach einem neuen Sinn zu suchen (wo auch immer mich das hinführen würde).
Ich habe schlussendlich den Mut gefasst, letzteres zu tun. Das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens, die mich dann auch zu neuen Erkenntnissen führte. Ich fand selbst in den schlimmsten Zuständen in dieser Welt und in all meinem Sein und in meinen Handlungen und Absichten (vorrangig in derjenigen, ein Leben zu führen, wie ich es leben wollte und will, was nun einmal ein Leben ist, in dem ich mich nicht für andere aufopfere, sondern in dem ich LEBE) einen Sinn. Ein Sinn, da, was immer wir machen (!!!) und wer bzw. wie auch immer wir sind, das Potenzial dafür in die Welt gestreut wird, damit neues Positives geschieht und das Leid in der Welt auch dann lindert, wenn wir uns nicht dafür aufopfern. Dieses Potenzial, so ist mir das heute klar, wird auch von der Welt genützt, zum Großteil geschieht das unbewusst.
Diese Erkenntnis hilft sehr, nicht in Verzweiflung, Sinnlosigkeit, Depression, Schuldgefühlen, Hass und Pessimismus zu verfallen. In Mitgefühl, ja! Aber niemals in Sinnlosigkeit!
Zu dieser Erkenntnis musste ich in mir selbst einen Prozess durchmachen, dessen Idee einst Hegel beschrieb: die Negation („Alles hat einen Sinn und nichts ist umsonst. Ich werde nie wissen, was ich schlussendlich bewirken werde.“) der Negation („Wir Menschen sind schuldig.“), die zur Synthese – zur neuen Erkenntnis – („Lebe, wie Du leben willst. Du musst dein Leben nicht einer Sache verschreiben, wenn du es nicht willst und im Grunde andere Absichten hast.“) führt.
Damit mich niemand falsch versteht: Die Absicht, die Welt „verbessern“ zu wollen ist eine Absicht, für die zu beschreiben ich kaum Worte finde, weil ich sie so wunderbar finde. Doch sie sollte ein Akt der Liebe sein und nicht ein Akt der Schuld.
Ein Mensch, von dem ich glaube, dass ihm diese Absicht glücklich gemacht hat – ich hoffe es zumindest für ihn, da ich ihn sehr schätze -, ist der Schauspieler Karlheinz Böhm, der schauspielerisch große Erfolge hatte und 1981 die Organisation „Menschen für Menschen“ gründete, um der leidenden Bevölkerung in Äthiopien zu helfen. Er leitet diese Organisation, ohne selbst damit Geld zu verdienen. Hier seine Website: http://www.menschenfuermenschen.com
Ich persönlich sehe zwar nicht weg, aber ich beschäftige mich nicht mehr so sehr mit all dem Leiden in der Welt wie einst. Ich sehe auch keinen Sinn mehr dahinter, das in diesem Ausmaß zu tun und erachte es auch nicht mehr als so wichtig für uns alle. Ich habe Luther’s Schriften (16. Jahrhundert) gelesen, die einen sehr großen Hass auf das Judentum beinhalten und quasi eine Anleitung dazu waren, wie die Nationalsozialisten viel später mit den Anhängern dieser Religion auch wirklich umgingen. Ich war 2003 vor Beginn des Irak-Feldzuges in Wien auf einer Großdemo dagegen demonstrieren. Ich trug auch im Alltag Aufkleber auf meiner Kleidung mit Botschaften wie „Stoppt den Krieg!“ usw. Doch glücklich gemacht haben mein Interesse an diesen Dingen bzw. diese Aktionen meinerseits weder die Juden, noch die Bevölkerung des Irak, und auch nicht mich selbst.
Der wohl bedeutendste Skateboarder aller Zeiten, Rodney Mullen, durchlebte ähnliches. Er hatte die Absicht, ein, wie er sagte, „brainy guy“ zu werden. Zugleich war er sehr unglücklich über viele Zustände in der Welt, und lebte einige Zeit in Norwegen, wo er sich der Philosophie, insbesondere dem Existenzialismus verschrieb und viel darüber las. Nach ein paar Monaten kam er zur Einsicht, dass all dieses Abwägen dieser „harten Sachen“ zu nichts führt. Er kehrte in die Staaten zurück und ging in die Skateboardgeschichte als bislang bedeutendster Skateboarder in die Geschichte ein. Er gründete mehrere Unternehmen, lebt heute mit seiner Frau in Kalifornien und ist ein glücklicher Mensch. Ich meine, er hat für sich das Glück seines Lebens dadurch gefunden, indem er aufgehört hat, danach zu suchen.
Ich habe weiter oben den Link zur Organisation von Karlheinz Böhm gepostet. Spendet was, wenn ihr es wollt. Wenn ihr euch aber lieber am Wochenende mit euren Freunden und Bekannten trefft und mit ihnen einen heben wollt, dann macht das. Oder ihr macht beides. Oder nichts davon. Es geht nur darum, das zu machen, was Euch glücklich macht, weil ihr es wirklich gerne tut. Niemals aus einem Zwang heraus.
Wir können weder wissen, wozu die Spende schlussendlich führen wird, noch, was der Geschäftsführer der Diskothek abgesehen von seinen Kosten, die er hat, mit seinen Einnahmen machen wird. Vielleicht ist er so hoch verschuldet, dass er alles der Bank zahlen muss, oder er hat genug Geld und schmeißt es in allem Überfluss hinaus. Oder vielleicht kauft er sich ein neues Cabrio, mit dem er sich erhofft, junge Frauen zu erobern. Vielleicht macht ihm das glücklich, vielleicht ist er aber auch ein sehr unglücklicher, Mensch, der (vergeblich) hofft, so über sein Unglück hinwegzukommen. Ich weiß es nicht. Das Cabrio (v. a. wenn es sich über ein teureres handelt) wird von vielen Moralpredigern kritisch betrachtet. Und dennoch muss es fabriziert werden und ermöglicht so den Mitarbeitern in den Werken des Herstellers einen Arbeitsplatz, der ihnen eine Grundlage für ihre Existenz bietet. Vielleicht sackt die Führungsebene des Herstellers aber auch einen großen Anteil in die eigene Tasche ein und bezahlt die Mitarbeiter schlecht. Doch: wo wird dann dieses Geld investiert? In neue Unternehmen? Alles hat eine Seite, die von unterschiedlichen Menschen unterschiedlich positiv und negativ bewertet wird. Vielleicht haben die Geschäftsführer dieser Unternehmen eine humanitäre Ader und spenden der Organisation von Karlheinz Böhm eine beträchtliche Summe, die erst dadurch möglich gemacht wurde, weil viele Menschen lieber mit ihren Freunden am Wochenende einen heben gegangen sind, anstatt das Geld selbst zu spenden. Hört sich sehr eigenartig und von sehr weit her geholt an. Doch was wissen wir in diesem Zusammenhang wirklich? Man kann das jetzt ewig weiterspinnen, die Zusammenhänge in der Welt sind viel zu komplex, um das wirklich zu überblicken.
Bill Gates gründete beispielsweise 1994 die Stiftung „Bill & Melinda Gates Foundation“. Sie hat einen Kapitalgrundstock von etwa 30 Mrd. US-$ (!). Ihre Ziele liegen in der Entwicklungshilfe. Warren Buffett, 2009 zweitreichster Mensch der Welt (ca. 37 Mrd. US-$), kündigte 2006 an, 85 % seines Vermögens an verschiedene Stiftungen (darunter einen Großteil an jene von Gates) zu verschenken. Er leitet ein Holdingunternehmen, das in viele Tochterunternehmen aus den unterschiedlichsten Bereichen (Bankwesen, Getränkeindustrie, Kreditkartenunternehmen, Medien, uvm.) investiert. Die Zahlungen der Spenden sind zeitlich aufgeteilt. Bislang (2006 – 2009) spendete Buffet pro Jahr etwa 1,5 – 2 Mrd. US-$.
Willi Resetarits erzählte vor Jahren im Fernsehen folgendes von seiner Jugend: Er war jung und wild entschlossen, die Welt zu verbessern und zog mit Gleichgesinnten unter der roten Fahne durch Wien. Doch irgendwann einmal ging ihm das Licht auf, dass die Welt viel zu komplex sei, um das so einfach umzusetzen.
Was auch immer wir tun, es hat seine Auswirkungen und seinen Sinn. Und alles was wir tun, wird (wie wir es bewerten) Positives (Glück und Zufriedenheit) und Negatives (Schmerz, Elend und Leid) bewirken. Und wenn es Negatives bewirkt, bewirkt auch das Negative wieder etwas Positives und dieses Positive erst wieder etwas Negatives. Das geht ewig so weiter. Das ist, in seiner Gesamhtheit gesehen, unüberblickbar. Hat denn das alles nicht einfach nur seinen Sinn (ist zwar danach bewertbar, was es unmittelbar auslöst, aber niemals danach, wozu es – endlos weiter – führen wird)? Ich betone es noch einmal: ALLES WAS WIR TUN HAT SEINEN SINN, DENN ES BEWIRKT. Aber um zu erkennen, was genau, dazu müssten wir bis ans Ende der Zeit reisen können und die Empfindungen und Handlungen eines jeden Einzelnen, den wir bis dahin beeinflusst haben, kennen.
Vielleicht führt das alles irgendwann einmal dazu, dass wir alle aus allem gelernt haben. Alles, was wir tun, bietet uns selbst und jedem die Gelegenheit dazu, daraus zu lernen. Und dazu, dass wir vielleicht überhaupt damit aufhören, das, was wir tun als positiv oder als negativ zu bewerten und stattdessen an etwas anderem festhalten, an dem wir uns orientieren können. Wie wäre es, wenn wir an unseren Ursprung zurückkommen würden: den Ursprung der Liebe? Jedes Wesen in der Welt birgt sie in sich. Wie wäre es, wenn wir uns vielleicht so dem nähern, nach dem wir uns alle sehnen: in Harmonie mit uns selbst, untereinander und mit dem, was uns umgibt, leben zu können…
Ich sage es nochmals: Liebe trägt jeder – wirklich jeder – in sich. Vielen ist dies aber nicht wirklich bewusst. Liebe lässt sich nicht erklären, über Liebe kann man (im Gegensatz zum Bewerten und zum Wissen) nicht streiten, LIEBE IST, nicht mehr und nicht weniger. Unsere Geburt und unser Leben sind ein Akt der Liebe. Für mich ist es das einzig wirklich Lebenswerte, sich selbst und andere zu lieben und all sein Leben und Handeln aus dem Akt dieser Liebe zu vollziehen: sich selbst zu verwirklichen, sich selbst und seinen Leidenschaften und Trieben gerecht sein (dabei aber nicht zu übertreiben, nicht mehr tun als man es zu tun liebt), die partnerschaftliche Liebe einzugehen, auf sich zu hören und danach zu handeln, anderen und sich selbst gegenüber tolerant sein und die Ansichten anderer als solche zu akzeptieren und solidarisch ihnen gegenüber zu sein. Um so zu reden, muss man kein Pfarrer sein, an Jesus oder an irgendeinen Gott glauben. Es reicht, wenn man ein Mensch ist.
Doch von diesen Dingen sind wir (auch ich selbst) noch weit entfernt und wir müssen viele Fehler machen, um zumindest weiter in die Nähe dessen zu kommen. Deshalb: LEBEN WIR, VERÄNDERN WIR, BEWIRKEN WIR (was wir unmittelbar bewirken ist nicht so wichtig, denn alles führt zu neuem. Und wir müssen auch nicht gleich Querdenker sein. Es reicht, wenn wir leben, egal wie. Dann bewirken und verändern wir automatisch.) Auf dass wir jetzt und dass zukünftige Generationen etwas lernen können. Auch emotional lernen, um zur emotionalen Harmonie zu gelangen, die vielen von uns noch fehlt (was ich übrigens als Ursache für viele “schlimmen Zustände” und vieles Leiden auf dieser Welt sehe) und um sich eben der Liebe und ihrer Möglichkeiten bewusst zu werden. Jeder sehnt sich danach.
Ein Mensch, der im Einklang mit sich, seiner Umgebung und seinen Mitmenschen ist, hat keine Absichten, sich selbst und anderen Böses anzutun. Und er wird auch keinen neuen Ärger oder Hass in die Welt „verstreuen“.
Wie erwähnt, sehe ich die emotionale Disharmonie vieler Menschen als Ursache für so einiges Leid (nicht nur ihr eigenes), das es derzeit auf dieser Welt gibt. Dazu muss sich der Mensch aber auch von dem lösen, von dem ich weiter oben geschrieben habe: dem Glauben, schuldig zu sein. Manchen Menschen lähmt die Schuld, sie quält ihn und er leidet. Ein Mensch, der so lebt, lebt nicht in Harmonie. Er weiß, dass er gute Absichten hat (die hat er auch), aber das hilft ihm nicht viel. Höchstwahrscheinlich denkt er sich auch, er würde sich diesen Schmerz nicht verdienen (im Extremfall meint er sogar, er verdient ihn sich). Wisst ihr, was das einzige ist, das er sich verdient? Er verdient es, glücklich, wirklich glücklich zu sein. Und die Welt würde sich darüber freuen, ihn glücklich und unbeschwert zu sehen. Es wäre so wichtig, würden die Menschen Harmonie in die Welt ausstrahlen, welche diese so bitter nötig hätte. In dieser Angelegenheit geht es über die Überwindung von Glaubenssätzen, die “der Schuldige” in sich trägt und zwar dadurch, indem er ein bisschen tiefgründiger denkt als bloß so, dass er meint, dass er jetzt schuldig und es sich ewig zu leiden verdient, weil er dieses oder jenes getan oder nicht verhindert hat. Und wenn er es gerne hätte dass die Welt ein schönerer Platz wird, dann sollte er die Welt auch in ihrer Entwicklung sehen. Wenn er gute Absichten hat, wird es in seinem Interesse liegen, wie die Dinge nicht nur jetzt, sondern wie sie zukünftig (solange es eine Welt gibt) sein werden. Sie ist in einem Entwicklungsprozess. Und dieser ist langwierig. Auch ich habe Tiefen gebraucht, um in die Höhe zu kommen. Soll ich mich jetzt wegen etwas schuldig sehen und deswegen ein leidvolles Leben führen, obwohl die Welt vielleicht gerade dieses Tief braucht, um wieder in die Höhe zu kommen?
Also, leben wir unser Leben: Gehen wir in die Politik und treten wir für etwas ein, woran wir glauben, wenn wir meinen, dass wir sinnvolle Ideen haben. Werden wir so wie Goldmund Künstler. Werden wir so wie Alf Poier. Gehen wir ins Kloster. Besuchen wir einen Swinger-Club. Gehen wir in die Privatwirtschaft. Gehen wir zum Militär oder zur Polizei. Schließen wir uns der Organisation von Karlheinz Böhm an. Werden wir Hilfsarbeiter. Fahren wir zu Nova Rock und pfeifen wir drei Tage lang auf alles. Wählen wir die SPÖ, das BZÖ, die KPÖ, die ÖVP, oder sonst was. Gehen wir in die Werbewirtschaft. Bereisen wir Südamerika oder gehen wir Trampen. Führen wir einen Blog. Oder tun wir sonst was. Ich bin zwar ein Mensch, der seine eigenen Meinungen und Auffassungen hat, doch ich werde es mir nicht anmaßen (dazu bin ich auch nicht fähig), zu jemandem zu sagen, dieses oder jenes wäre das Richtige für ihn/sie. Ich kann Anhänger einer bestimmten politischen Partei sein und kann andere Leute dennoch dazu ermutigen, eine “andere Farbe” zu wählen, da diese für sie (vl. auch für ihre momentante Entwicklungsstufe) die Passende sei.
Es geschieht alltäglich Veränderung. Und es geschehen Fortschritte. Hätte ich diesen Text im Mittelalter geschrieben, hätte mich die Inquisition der Kirche wahrscheinlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Hätte ich zuzeiten des Stalinismus oder zuzeiten des Nationalsozialismus für einen solchen Individualismus und für eine solche Selbstentfaltung gesprochen, hätte man mich ins Gefängnis oder in ein Konzentrationslager gesteckt, mich gefoltert und vielleicht erschossen.
Frauen, die seit 1918 in Österreich das Wahlrecht haben, emanzipieren sich immer weiter. Die Regierung, wird jeden Tag vom Volk, von der Opposition und von den Medien aufs Schärfste kritisiert. Stellt Euch vor, was gewesen wäre, wenn zuzeiten des Nationalsozialismus irgendjemand den Mund geöffnet hätte.
Das Internet, das es noch nicht all zu lang in dieser Form gibt, ist das vielleicht einzige Medium, wo jeder spätestens seit dem Aufkommen des Web 2.0 ohne große Kenntnisse publizieren kann, was immer er will. Außerdem erlaubt das Internet die Kommunikation zwischen allen unterschiedlichen Kulturen. Ein Anhänger des Judentums kann über das Internet mit einem Moslem diskutieren und ein Amerikaner kann sich einklinken. Diese Möglichkeiten sind Gold wert.
Dieser Text kam zustande durch 25 Jahre Lebenserfahrung. Für ihn habe ich nachgedacht und philosophiert, habe kritisiert und rebelliert, bin durch Himmel und Hölle gegangen, habe Leidenschaften gelebt und bin extreme Wege gegangen. Nun ist es an der Zeit, neue Wege zu gehen. Und jetzt entschuldigt mich, denn ich habe zu leben. Dieser Computer ist ebenso wenig das richtige Leben, wie ein Buch von Hermann Hesse oder von sonst wem.
Ich habe genug philosophiert. Ich habe herausgefunden, dass unser Wissen begrenzt ist. Aber die Liebe (die uns glücklich machen kann) versteht jeder. Die Schuld ist ein Hirngespinst des vermeintlichen Wissens und des Bewertens. Ist es nicht einzig die Liebe, die es vermag, uns glücklich zu machen? Sollten wir deshalb nicht die Liebe zu unserem Lebensziel machen? Viele Menschen blicken zu einem Gott auf. Ich blicke zur Liebe auf. Sie kann alles, was wir uns hier je wünschen werden.
Alf Poier sagt als Abschluss seines Programms „Kill Eulenspiegel“: „Enjoy this show! This is your show!“ Und recht hat er!
© JA, 2006/2007 (Daten der Spendenaktionen aktualisiert)