Ich erwiderte ihr: “Jeder nahezu besitzlose Eingeborene, jeder Indianer trägt mehr Persönlichkeit, mehr Liebe, mehr Aufrichtigkeit, Seele und Weisheit in sich als ihr mit eurem Materialismus und eurem ständigen Konkurrieren. Was interessieren mich materielle Werte, ihr gebt euch euren Selbstwert durch Geld, Besitztum und kaufbare Güter. In all dem seid ihr trotzdem armselige, kleine Würstchen. Nein, ein wahrer Mensch, jemand, der dieser Bezeichnung auch gerecht wird trägt Persönlichkeit in sich, Seele, Verstand, Herz, Liebe, Konstruktivität, Hilfsbereitschaft, Solidarität, Weitblick, Verständnis und Toleranz, Intelligenz und Moral. Doch dies alles interessiert euch gar nicht, in eurem armseligen Egoismus, in eurer armseligen, materiellen Oberflächlichkeit, ihr wollt es auch gar nicht erreichen und zwar deshalb, weil ihr euch viel zu bequem seid und weil ihr für etwas Größeres viel zu anspruchslos seid!”
Mit fassungsloser Miene sah sie mich an. Nach ein paar Sekunden, die sie brauchte um wieder zu sich zu kommen, sagte sie zu mir mit einer Stimme voller Mitgefühl und Traurigkeit und zugleich auch Verständnislosigkeit: “Ich weiß nicht, was mit dir los ist. Du stellst mit deinen Aussagen unsere gesamte Gesellschaft in Frage, all deine Freunde und Bekannte, alles Leute, die dir nichts getan haben. Du siehst auf sie herab, als ob sie ein Haufen von gottlosen, kleinen Dummerchen wären, denen du allen überlegen bist. Bist du aber nicht, denn sie führen, sicherlich der eine mehr, die andere weniger, aber trotzdem: glückliche Leben – zumindest weitaus glücklichere, als du. Ich spüre eine große Energie, einen hoch aufgestauten Unmut in dir, wenn du von ihnen sprichst. Warum das alles? Was interessieren dich die Schwächen der anderen Leute so sehr? Du könntest ein normales, ein zufriedenes Leben führen, doch was machst du daraus? Du gehst stattdessen erst recht deinen verbohrten Weg, kritisierst ständig bei anderen herum und machst das auch noch mit einem Stolz und einer Genugtuung. Wieso???”
“Du hast teilweise recht! Der Grundantrieb, die Ursache dessen liegt dort, dass ich mich von jeher nicht verstanden gefühlt habe. Ich suchte also immer – meist unbewusst, das ist mir heute klar – Beschäftigungen, Hobbies, Leidenschaften, alles Dinge, worin ich einen Wert, einen Sinn fand und betrieb diese dann immer mit allem Bemühen, mit aller Disziplin, Härte und Beharrlichkeit, mit aller Kraft und all meinem Interesse. Seit einiger Zeit ist zählt auch die Ursachenforschung zu meinen Interessen, das auf den Grund kommen des menschlichen Zusammenlebens, die Solziologie und Kultur, die Welt, der Mensch. Wo, wenn nicht hier kann ich dem auf den Grund kommen, was – und jetzt rede ich ganz offen zu dir – seit jeher den größten Schmerz meines Lebens beherbergt: das Unverstanden-Sein und die Einsamkeit. Ich …”
Den Tränen nahegekommen, unterbrach sie mich wütend: “Jetzt hör endlich auf mit diesem ganzen Blödsinn. Ich weiß doch, dass du recht hast. Natürlich ist unsere Gesellschaft voll von Konkurrenz und Materialismus, natürlich fehlt es ihr an Werten. Aber man kann trotzdem in ihr leben und Teil von ihr sein. Was du machst, ist bloß einen Grund zu suchen, um die Leute anzuklagen und dies deshalb, weil du in deiner Schüchternheit nie aus dir herausgegangen bist. Wie hätte dich so jemals einer verstehen sollen?? Du bist mittlerweile mit deinem Eigenbrötlertum schon total von der Gesellschaft entfernt. Mit deinen Bekannten triffst du dich auch kaum noch.”
Wieder hatte sie mich nicht verstanden. “Dass mir meine alte Umgebung fremd ist, liegt etwas anderes zugrunde: die Mutlosigkeit! Ich machte in der letzten Zeit – wie du ja auch erkennen konntest – eine Entwicklung durch, der Mensch, der ich früher war, der bin ich nicht mehr. Ich habe mich nun endlich wieder selbst gefunden, bin fähiger, ja auch weiser als früher. Doch ich habe Angst, dies zu zeigen. Die Menschen sehen mich, ganz recht, als jemand ängstlichen, zurückgezogenen, in sich gekehrten, wenn ich unter ihnen bin. Damit liegen sie auch richtig. Doch sie meinen, ich hätte deshalb Angst, weil ich keine Überzeugung von mir selbst hätte und von meinen Fähigkeiten – das ist der Punkt, wo sie falsch liegen. Denn in Wirklichkeit ist sogar genau das Gegenteil der Fall. Ich bin sehr überzeugt von mir selbst und ich weiß auch, dass ich Persönlichkeit habe – große Persönlichkeit, wahrscheinlich eine größere besitze, als die meisten der anderen. Doch ich traue mich eben nicht, das zu leben, dies zu zeigen, da die anderen mir ja helfen wollen und ich Angst habe, dass ich sie vor dem Kopf stoße.”
“Du bist in der Tat sehr überzeugt von dir selbst, ich hoffe sogar, nicht zu sehr. Und du hast eine eigenwillige Art der Moral.”
“Ja, es ist Moral, doch es ist auch Angst und ein Mangel an Vertrauen. Und natürlich auch wieder Unverstandensein und Einsamkeit. Wenn ich mit meiner Individualität in die Öffentlichkeit ginge, würde ich damit erst wieder alleine dastehen.”
“Bist du dir da wirklich so sicher? Du wirst bei den Leuten sowieso immer alleine dastehen, solange du dich nicht öffnest, nicht preisgibst und niemandem die Chance gibst, dich zu verstehen und bei dir anzuklingen. Du unterschätzt mich vielleicht, denn ich weiß es schon, was dich bewegt, das kannst du mir glauben. Du gehst deinen Weg – du gehst ihn auch mehr oder weniger konsequent. Doch du gehst ihn allein – und das ist dein Fehler! So wirst du im Außen, in der Welt nie dein erhofftes Verständnis erlangen. So wirst du immer alleine sein und dein Schmerz wird nie kleiner werden. Du wirst älter und am Ende wisrt du völlig vereinsamen, da die wenigen Leute, die du jetzt noch hast, auch immer mehr, auch immer weiter ihren eigenen Wege nachgehen. Dies alles wird dich noch unglücklicher, ja, auch krank machen. Und das alles mit deinem Wissen, deinen Fähigkeiten, deinem guten und aufrichtigen Herz. Ich sage es dir jetzt ein letztes Mal: Gehe aus dir heraus, zeige es den Menschen, was du weißt, was du kannst, was in dir steckt. Sei du selbst! Habe damit Erfolg! Erreiche etwas! Ich weiß ja, dass du das auch selbst willst! Auch wenn du in deiner vorherigen Anklage den Materialismus verurteilt hast! Und ja, das kannst du dann auch immer noch tun. Suche doch einfach Erfolg aus einem idealistischen Grund, aus einem menschlichen, aus einem – wie du es nennst – “größeren”. Dass du den Materialismus nicht nötig hast, spricht für dich. Freue dich daran. Dies erleichtert dir das Erreichen deiner Ziele vielleicht sogar. So gehst du deinen Weg mit einer Leidenschaft um der Sache willen, nicht um des Geldes willen. Habe Erfolg in der Welt, unter und bei den Leuten. So wirst du auch solchen begegnen, die so sind, wie du, die dich verstehen, die aber den Weg des lebendigen Erfolges in der Gesellschaft gewählt haben und nicht jenen für sich allein in der Einsamkeit. Du kannst das, das weiß ich. Und du weißt es ebenso. Oder etwa nicht? Suche Verbündete! Strebe ein Ziel an, strebe zu deinen Wünschen! Stelle dich nicht gegen alle Leute und gegen die Welt. Erkenne das Potenzial in ihr und auch in den Menschen. Lerne, dir helfen zu lassen, die Welt hilft dir doch, du Idiot. Doch was machst du? Du wendest all deine Energie auf, um alles anzuklagen, um gegen uns alle zu kämpfen, anstatt um konsequent dein wahres Selbst und deine wahren Ziele im Auge zu behalten. Und ganz allein wirst du es sowieso nicht schaffen. Deine Gabe der eigenen Selbstreflexion in allen Ehren, aber du brauchst trotzdem auch eine Reflexion im Außen, du brauchst jemandem, der oder die dich im Auge behält und dich auf deinen Weg zurück holt, wenn du wieder mal in deinen Anklagen davon abdriftest.”
“Naja, ich beherrsche Meditationstechniken, mit denen gewinne ich Abstand zu mir selber. Sogar so, als ob ich mich selbst von außen sehen und beobachten würde. Das kann ich.”
“Dann betreibe die auch. Alles, was du kannst, ist gut! Dennoch brauchst du andere Personen, die auch wirklich im Außen stehen! Freunde! Oder idealerweise: eine Freundin!”
“Schön gesagt. Doch wo finde ich denn eine, die mich schon versteht?”
“Indem du in die Welt gehst, du Idiot! Muss man dir wirklich alles zwei Mal sagen? Es gibt genügend aufgeschlossene Leute, die zu dir passen, Leute, mit denen du dich verstehen würdest. Du siehst gut aus und ich weiß, dass auch du bei den Frauen sehr wählerisch bist. Du legst auf Qualitäten wert und du hast auch selber welche. Das ist gut! Doch was machst du? Reitest stattdessen die ganze Zeit auf deinen unnötigen Prinzipien herum und bist blind für alles andere. Du verbohrter kleiner Angsthase! Erweitere deinen Horziont! Ich weiß doch, dass du leidest. Das machst du dir aber alles nur selber! Klage nicht beim kleinsten Wehwechen irgendwelche Übeltäter an und mache nicht gleich aus jeder Mücke einen Elefanten. Werde dir gerecht! Das kannst du doch! Und wenn du was brauchst, dann ruf mich doch einfach an!”

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