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Frontcover (Balken am Jewel Case aufgedruckt)

Frontcover (Balken am Jewel Case aufgeklebt)

Am 27. Februar 2009 war es soweit: U2 veröffentlichten mit „No line on the horizon“ ihr zwölftes Studioalbum („Rattle and hum“ mitgerechnet).

Vor dem ersten Anhören betrachtete ich natürlich das Cover. Das Frontcover (basierend auf eine Fotografie des Bodensees, aufgenommen vom japanischen Künstler Hiroshi Sugimoto) fand ich stilistisch sofort ansprechend, besonders beeindruckt war ich vom Backcover, das u. a. ein Foto der Band zeigt.

Foto am Backcover

Foto am Backcover

Bono Vox, der in den letzten Jahren durch seine oftmals als zu aufdringlich gesehene Selbstdarstellung auffiel, wirkt auf diesem Foto gleichsam aufgeklärt, authentisch, entwickelt, ernstzunehmend, enthüllt (jedoch trotzdem mit einer gewissen Undurchsichtigkeit) und großartig.

Über Bono wurde in den letzten Jahren viel spekuliert (ihm wurde eine „private Unaufrichtigkeit“ seines öffentlichen, sozialen Engagements vorgeworfen, bzw. jenes bloß für seine persönliche Selbstdarstellung zu inszinieren…). Dieses Bild verleiht ihm jedoch sowohl etwas Neues, Ausdrucksstarkes, als auch etwas Geheimnisvolles und die, gemessen an seine Person, natürlich mehr als berechtigte Frage wird aufgeworfen, ob in Bono nun doch (auch?) etwas anderes vorgeht, als ihm nachgesagt wird. Es bleibt anzumerken, dass eine gewisse Selbstdarstellung (wenn auch nicht in weltpolitischen Angelegenheiten) als Frontmann einer Band dieser Größenordnung unumgänglich ist. Um ehrlich zu sein, war dieses Foto der Anlass, warum ich das Album überhaupt erst angehört habe. Nach den letzen Alben hatte auch ich keine großen Erwartungen, dieses Foto machte mich allerdings wieder neugierig…

Und mein Verdacht wurde bestätigt. Das Album ist grandios!

U2 are back – und wie!

Nun zum Musikalischen:

Das Album beginnt sehr rockig mit dem Titeltrack. Sofort wird klar: das hat was! Der Song ist sehr facettenreich, er beginnt mit E-Gitarren und Keyboards. Bono’s Gesang ist sehr selbstgefunden, authentisch, natürlich und äußerst kraftvoll (ohne dabei zu übertreiben), kurzum sehr qualitativ. Nach ca. 2 Minuten kommt eine Gesangspassage, die an U2 zur Zeit der frühen 80er-Jahre erinnert. Gleichzeitig wirkt der gesamte Song vom Sound und der Melodik her modern und sich neu erfunden – und das mit viel Seele.

„Magnificent“ heißt der nächste Titel. Und der ist mindestens so gut, wie der erste. Auch hier gilt: sich neu erfunden. Der Song hat das Zeug zum absoluten Hit, auch wenn er sich vom doch schon sehr „abgedroschenen“, kommerziell sehr gut angekommenen Stil der letzten Alben unterscheidet. Dieser Titel (zweite Singleauskopplung, 4. Mai) ist ebenfalls ein Ohrwurm, doch er ist innovativ!

Weiter zu Track #3, der sich „Moment of surrender“ nennt. Er beginnt sehr andächtig mit einer Synth-Streicher-Passage, die in eine Orgelpassage übergeht. Erst nach ca. 75 Sekunden setzt Bono’s kraftvoller, „rockiger“ Gesang ein, der zur andächtigen Stimmung einen Kontrast bietet und sich dennoch in das Gesamtbild sehr gut einfügt. Weitere Instrumentierung: Drums, (Synth-)Orgeln, Piano, Bass, Gitarren. Der Refrain besteht aus einem sehr hochwertigen Chor und das in einer sehr warmen Gospelstimmung. Später kommen noch Streicher, Synthesizer und soulig-bluesige E-Gitarrensoli. Kurzum kann dieser Track ohne weiteres als einer der absoluten Höhepunkte des gesamten U2-Kataloges bezeichnet werden.

Das nächste Stück „Unknown caller“ beginnt sehr ruhig und schön mit elektronischen Sounds und Vogelgezwitscher, bald darauf setzen E-Gitarren-Sounds und Synthesizer ein. Diese Passage trägt eindeutig die Handschrift Brian Eno’s, der Mitproduzent dieses Albums war. Nach ca. einer Minute setzen dann Toms wie aus „Joshua Tree“-Zeiten und Bono’s Stimme ein. Es folgt ein darauf aufbauendes Segment von etwa einer halben Minute. Erst dann (!) beginnt die erste Strophe. Der Refrain besteht aus dem vorherigen Gesang und einem neuen Teil. Nach dem letzen Refrain kommt noch eine gut 1 ½ minütige Instrumentalpassage mit Orgeln, E-Gitarren und Hörnern (!). In die Gesamtlänge von 6 Minuten wurde enorme Kreativität verpackt.

„I’ll go crazy if i don’t go crazy tonight“ folgt. Bei diesem Track sind wieder deutlichere Ähnlichkeiten zu den letzten Alben vorhanden. Dennoch ist auch die typische Handschrift dieses Albums zu hören. Als besonders innovativ sehe ich den Track aber nicht.

Es folgt „Get on your boots“, die erste Singleauskopplung. Der uptempo-Track wirkt beim erstmaligen Anhören etwas gewöhnungsbedürftig. Ihn stilistisch zu beschreiben sieht in etwa so aus: rockig, modern, mit Hip Hop Einflüssen, tanzbar, dennoch nicht aufdringlich, elektronisch, effektreich und eigen im Stil seiner Melodik. Der Track braucht Zeit, man muss ihn öfter anhören, um zu erkennen, wie gut er wirklich ist. Es ist nicht einfach, solch einen Song zu schreiben und zu produzieren.

„Stand up comedy“ ist der letzte Titel dieses Albumsegments (dazu später mehr). Die weitgehend nicht besonders innovative Nummer beinhaltet eine effektreiche Bridge, durch welche bereits der nächste Track „eingeläutet“ wird.

Und dieser nennt sich „Fez – Being Born“, was wohl bedeutet, dass die erste Minute, als „Fez“ und der Rest als „Being born“ zu bezeichnen ist – zwei Segmente, die sich stark voneinander unterscheiden. „Fez“ (benannt nach dem Ort in Marokko, in dem die ersten Album-Sessions stattfanden), mit perkussiven, rhythmischen Klängen, ist für U2 ungewohnt experimentell. Der auch sehr ambient-lastige Teil beinhaltet noch andere Sounds, wie Geräusche einer Menschenansammlung, Samples von Bono’s Gesang aus „Get on your boots“, Pianoklänge, weibliche Gesangsstimmen (aus einem Synthesizer/Sampler?) und cleane E-Gitarren. Nach etwa 35 Sekunden ändert sich die Rhythmik abrupt und es folgt ein etwa 25-sekündiger, sehr eindringlicher Teil mit netten Harmonien, die u. a. auch an Goldfrapp erinnern.

Darauf folgt eben „Being Born“, ein Stück, das wieder typisch ist für den innovativen Sound und den Gesamtstil dieses Albums. Es ist wieder stark hörbar, dass Brian Eno bei der Produktion dabei war. Ähnlichkeiten zum Sound seines Albums „My life in the bush of ghosts“ (Kollaboration mit David Byrne, veröffentlicht 1981, gilt als Meilenstein der Musikproduktion) werden deutlich. Wieder experimentelle Sounds und trotzdem ein Song, der einen für U2 typischen Gesangspart beinhaltet. Auch ein Chorpart im Stil des bereits erwähnten Songs „Moment of surrender“ kommt vor. Es kann als Progressive-Rock-Stück (verzerrte, cleane und auch funkig- rhythmische E-Gitarren, Orgeln, Effekte, Synthesizer, teilweise sogar Ähnlichkeiten mit Pink Floyd) bezeichnet werden. Wieder ein Höhepunkt dieses Albums.

Der nächste Titel, „White as snow“ (ein Traditional Arrangement) ist ein ruhiges und langsames Stück im Singer/Songwriter-Stil. Es hätte eben so gut von Lee Hazlewood gesungen werden können. Nach einem halbminütigen Intro mit elektronischen Sounds setzt die akustische Picking-Gitarrenbegleitung (die während des gesamten Stücks anhält) ein – und bald darauf Bono’s Gesang. Auch die elektronischen Sounds vom Intro kommen immer wieder vor und ergeben zusammen mit dem Gesang, den akustischen Gitarren, den Back-Vocals, den Drums und dem E-Bass ein sehr gutes Gesamtbild. Darauf folgt als Bridge eine etwas „lautere“ Passage mit prägnanteren Drums und einem wieder gern gehörten Horn. Eine weitere Besonderheit ist eine Tremolo-E-Gitarre im Mittelteil. Ein sehr schönes Stück!

„Breathe“ ist eine rockige Produktion, in welcher auch verschiedene Percussioninstrumente, Pianoelemente und ein Cello enthalten sind. Die Nummer ist allerdings nicht sonderlich innovativ.

Der sehr gelungene Abschluss des Albums, „Cesars of lebanon“, ist wieder – ob in der Melodik oder in der Produktion – typisch für dieses Meisterwerk. Die Synthesizer am Beginn sind Samples eines im Jahr 1984 veröffentlichten Stücks von Brian Eno und Harold Budd. Auf deren Harmonien baut auch der gesamte Song auf. Spätestens hier wird deutlich, dass das Album auch im Songwriting weitgehend die Handschrift Brian Eno’s trägt, da eben dieser (Melodik-)Stil bei mehreren Songs nicht zu überhören ist.

Fazit: Es ist lange her, dass U2 ein solch gutes Album veröffentlichten. Die Songwriting-Zusammenarbeit mit Brian Eno und Daniel Lanois war ein voller Erfolg und maßgeblich für den Stil des Albums.

Das Segment von Track # 5 bis # 7 und der Song „Breathe“ sind stilistisch eine Fortführung der letzten Alben – was insofern kaum verwunderlich ist, da dies eben jene Stücke sind, die U2 ohne Brian Eno und Daniel Lanois geschrieben haben. Nocheinmal positiv herauszustreichen bleibt, dass „Get on your boots“, nicht einfach zu schreiben ist und neben den gewohnten, auch einige neue Stilelemente aufweist.

Die übrigen Stücke sind in der Melodik deutlich anders. Beispielsweise im Titeltrack wurde durch die besagte Kollaboration eine U2-Veröffentlichung neu definiert, in welcher dennoch typische, aus der Vergangenheit bekannte, U2-Elemente vorkommen. Gitarrist The Edge meinte dazu in einem Interview (Mojo Magazine): “Bono und ich arbeiteten am Material weitgehend alleine, aber es waren jene Sessions (Anm.: Songwriting-Sessions mit Brian Eno und Daniel Lanios) die dem Album seinen Charakter gaben, welches sich anders anhören würde, wenn wir sie nicht gefragt hätten, ob sie mit uns bei den Songs mitschreiben wollten.“

Bewertung: 9/10

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